Worte des Vorsitzenden

von Harro Rhenius

 

Als wir von der Realschule zur Regionalschule umgewandelt wurden, haben wir mit den Hauptschulkollegen vereinbart, ein insgesamt leichteres Deutschbuch mit differenzierten Aufgaben anzuschaffen. Anfangs ließen wir für den Jahrgang ein begleitendes Übungsheft, die Plusversion, anschaffen, die annähernd Realschulniveau besaß. Die wenigen Kinder, die dieses Niveau nicht erreichten, bekamen ein Basisheft auf leichtem Hauptschulniveau. Zwei Jahre später bekam jedes Kind das Basisheft und wenige Kinder das Plusheft. Inzwischen ist das Hauptschulheft Standard und trotzdem können nur wenige Kinder die leichten Aufgabenformate selbstständig bearbeiten.

Sie brauchen die Förderversion, auch ohne festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Aufmerksamkeit hält oft nur Sekunden, sodass selbst nach minutenlanger Erklärung in Grundschulsprache und mehreren besprochenen Beispielsätzen, die völlig ernstgemeinte Frage folgt: Was sollen wir jetzt machen?

Mir würde so vieles einfallen, was diese Kinder bräuchten. Tablets kämen mir nicht als erstes in den Sinn, dachte ich, als ich das Gebäude wechselte. Dort wartet meine Projektprüfungsgruppe des 9. Jahrgangs, die ich als Mentor betreue. Diese Prüfung ist Teil der Abschlussprüfung. Ich freue mich. Bisher waren sie mir meist aus dem Weg gegangen, konnten die geforderte Gliederung ihres Themas und ihre Arbeitsprotokolle nicht vorzeigen und hatten mir bis dato nur einen halbseitigen Zettel mit wenigen unzusammenhängenden Stichworten voller Rechtschreibfehler abgegeben. Statt der ultimativ eingeforderten Arbeitsergebnisse sitzt Julia mit einer Salatgurke in der Hand vor mir. Heute sei Kochprojekt, da habe sie ihren Rucksack zu Hause gelassen. Wochen später, nach einer denkwürdigen Prüfung betrachte ich den Ordner der Gruppe. Der Reflexionsbogen dieser Gruppe ist ein Symbol des Ergebnisses der Strukturreformen der letzten 12 Jahre und des verklärten Blickes ihrer Verursacher auf deren Folgen. Auf einem karierten Blatt Papier, das aussieht, als wäre darin bereits ein Butterbrot eingewickelt worden, als wäre mehrfach ein Laster darübergefahren, auf einem Blatt, eingerissen, dessen Schrift vor lauter Knittern nur noch zu erahnen ist, steht als letzter Satz: Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis unserer Arbeit.

Keine verbindliche Schulartempfehlung, das mühelose Aufsteigen bis Klasse 9 ohne Sitzenbleiben-das sind die Folgen. Ich habe begonnen, ein Buch zu schreiben, über die skurril anmutenden Folgen der Bildung als Spielball der Politik, nicht aus wirtschaftlichem Interesse, es ist mehr ein therapeutisches Schreiben. Arbeitstitel: Der letzte Realschullehrer. Im Vorwort greife ich ein anschauliches Beispiel von Professor Dollase aus und erweitere es auf die Idee der Gemeinschaftsschule, wie sie in Schleswig-Holstein eingeführt wurde:

Ich zitiere:

„Um die Ergebnisse des politischen Reformeifers der Regierenden „im wahren Norden“ dem Unbeteiligten überhaupt noch verständlich zu machen, greife ich zu folgendem Bild aus der Welt des Fußballs: Stellen Sie sich vor, man würde die Mannschaften der Bundesligen 1 und 2 gemeinsam  mit den Amateuren der Regionalliga in einer gemeinsamen Liga spielen lassen. Der Aufstieg und der Abstieg werden abgeschafft und die Bezahlung der Spieler erfolgt unabhängig von der erbrachten Leistung. Ob die Tore in einem Spiel noch gezählt werden, liegt im Ermessen der Vereine, während die Mannschaften am Ende eines Spieltages statt in einer nach Leistung sortierten Rangfolge der Tabelle nun kreisförmig alphabetisch sortiert werden.

Wie glauben Sie, würde sich die Qualität des Profifußballs bei Durchführung dieser Reformen verändern? Natürlich bietet diese Analogie nur begrenzt Einblick in die Folgen der Veränderung unseres Schulsystems. In Wirklichkeit ist es viel schlimmer. Um im Bild zu bleiben: Sehen Sie mich als wütenden Zweitligatrainer, der diesen Sport liebt und sich bewusst für diesen Beruf entschieden hat, der manchen Abstieg verhindert und manche Meisterfeier erleben durfte.

Ich habe als Realschullehrer in Schleswig-Holstein den Zusammenbruch einer erfolgreichen Schulart miterleben müssen. Der Vergleich aus der Welt des Fußballs mit der jetzigen Situation erscheint auch deshalb so absurd, weil alle Beteiligten wie Reporter, Trainer, Spieler und Zuschauer schon frühzeitig solch absurden Veränderungen verhindern würden. Anders als man glauben könnte, fristet die Bildungspolitik immer noch ein Nischendasein in etablierten Politikkreisen, gilt hinter den bunten Wahlplakaten von Schulranzen, die die Welt verändern, häufig noch als „Gedöns“, nicht immer erstklassig besetzt und von Presse und Wirtschaft mit freundlichem Desinteresse begleitet. Mit großem Orchester werden über Zuständigkeiten von Bund und Ländern, über Milliardenpakete für die Digitalisierung, über die Vor- und Nachteile eines späteren Unterrichtsbeginns diskutiert, über Winterferien, während das Bildungsniveau unaufhörlich sinkt und Schüler die Schulen verlassen, die als Facharbeiter für immer verloren sind. Während das Dach brennt, diskutieren wir die Farben der Tapeten.“

Auch wenn der Blick in die Vergangenheit schmerzt, wenn man liest, dass heutige Brennpunkt… Entschuldigung, Perspektivschulen vor 12 Jahren als funktionierende Realschulen den Schülern bereits damals die Perspektive bot, die heute mit viel Geld erst angestrebt wird. Ich freue mich über jede Wertschätzung von ministerieller und politischer Ebene über unsere Arbeit als Lehrer. Da ist die Rede von herausragender Arbeit trotz veränderter Schülerschaft, von unermüdlichem Einsatz angesichts einer großen Heterogenität. Man kennt also durchaus die Fehler im System, ohne sie zu korrigieren. Das ist so, als ob ich einem Marathonläufer, dem man vor Jahren einen Rucksack mit schweren Steinen umgebunden hat, Applaus und teure Fitnessgetränke spendieren, statt die Steine aus dem Rucksack zu nehmen. Die Steine sind übrigens nicht die Kinder, sondern Rahmenbedingungen, die die Starken schwächen, ohne die Schwachen zu stärken.

Wir beenden die Schulstrukturdebatte erst, wenn wir Schulstrukturen haben, die den Schulen Möglichkeiten der Unterrichtsorganisation bieten, statt sie zu verhindern und zu verbieten. In keinem Sprachkurs lernen Native speaker mit Anfängern, die Profis des HSV trainieren nicht mit den Amateuren der 3. Liga, auch wenn sie manchmal so spielen.

Im Prinzip gibt es heute kein zweigliedriges Schulsystem. Wenn das längere gemeinsame Lernen der Gemeinschaftsschule tatsächlich überlegen ist, können wir das Gymnasium abschaffen, schließlich wird hier auch das gymnasiale Niveau unterrichtet.  Wenn aber die äußere Differenzierung des Gymnasiums die besseren Ergebnisse bringt, brauchen wir Bildungsgänge in den Gemeinschaftsschulen für den ersten allgemeinbildenden und den mittleren Bildungsgang. Auch die Schulartenempfehlung macht zurzeit keinen Sinn. Wenn alle vom gemeinsamen Lernen profitieren, müsste ich doch gerade die gymnasial empfohlenen Kinder in die Gemeinschaftsschule schicken. Das machen aber die wenigsten. Warum?

Ein Blick auf die Ergebnisse aller nationalen Vergleichsstudien hilft: Die am stärksten differenzierenden Systeme in Bayern und Sachsen liegen in Bezug auf die Leistung regelmäßig weit vorn. Aber auch die Schwächeren profitieren. Und selbst, wenn man es pädagogisch betrachtet: Wer als Lehrer erlebt hat, wie die ESA Schüler aus allen 9.Klassen gemeinsam bei der Übergabe des Zeugnisses in einer gemischten Gesamtgruppe des Jahrgangs zur Zeugnisausgabe bei der Abschlussfeier geschickt werden, kann nur abschlussbezogene Klassen fordern. Während die Zehntklässler im Abschlussjahr ihre Feier planen, sich Abschluss-T-Shirts aussuchen und die Zeit zwischen Vornoten und mündlicher Prüfung auch einmal für Gemeinschaftsaktivitäten nutzen wie Volleyballspielen oder Ähnliches, genießen die ESAs bis zum letzten Tag Fachunterricht, schließlich kämpfen die Schüler des mittleren Leistungsniveaus noch bis zur Zeugniskonferenz um die Versetzung ins 10. Schuljahr.

Es geht nicht nur um die Starken. Wer den Schwächeren die Möglichkeit nimmt, auch einmal zu den Leistungsstärksten im Raum zu gehören, wer den ESA Abschlussschülern das Gefühl einer Abschlussklasse raubt, das Gefühl einer Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsam für eine Prüfung arbeitet, die T-Shirts mit dummen Sprüchen aussucht und die letzten Tage vor dem Abschluss mit unterrichtsfremden Inhalten genießt und dieses System bildungsgerecht nennt, dem mangelt es nicht nur an Kompetenz, sondern auch an Empathie.

Und deshalb bleiben wir dabei: Wir wollen nicht die Schule für alle, sondern für jeden die richtige Schule, den richtigen Bildungsgang, zumindest die abschlussbezogene Klasse.

  1. Akt: Die Zukunft

Der Vorsitzende eines verbandspolitischen Mitbewerbers beendete kürzlich seine Rede vor Lehramtsanwärtern mit einem Zitat Clintons „A teacher has to be an optimist“ Er wurde übrigens schon vor Jahren pensioniert.

Ich begann meine folgende Ansprache mit den Worten: Wir sind weder Pessimisten noch Optimisten, Lehrer müssen Realisten sein.

Realistisch betrachtet werden wir wohl kein Recht auf die Einrichtung abschlussbezogener Klassen in der jetzigen Legislaturperiode mehr bekommen, obwohl die Kultusministerkonferenz, die ihre Beschlüsse einstimmig fasst, also auch mit der Stimme Schleswig Holsteins, dies den Schulen einräumt und obwohl der Koalitionsvertrag dies verspricht, obwohl eine Mehrheit der Schleswig-Holsteiner dies fordert und obwohl einer der Koalitionspartner nach den Verhandlungen in einem Zeitungsinterview behauptete, dass dies nun möglich sei.

Wir werden nicht unter meinem Vorsitz ausschließlich Radikalopposition betreiben und uns am zweigliedrigen Schulsystem abarbeiten, auch wenn es das verdient hat und es viele Kollegen mürbe macht, die in zahllosen Konferenzen im System Gemeinschaftsschule Probleme lösen, die es ohne diese Schulart in ihrer jetzigen Form  gar nicht gäbe. Verehrte Ministerin Prien, eine Botschaft ist mir heute wichtig. Das Dach mag brennen, aber sie haben es nicht angezündet. Sie versuchen sogar manchmal den Brand einzudämmen.

Wir haben richtige und wichtige Maßnahmen, die sie getroffen haben, vielleicht auch nicht immer ausreichend gewürdigt. Deshalb sage ich es noch einmal ganz deutlich: Es war richtig, dass die Unmethode Schreiben nach Hören als ein Verbrechen gegen die Bildung junger Menschen in den Giftschrank gescheiterter bildungspolitischer Experimente verbannt wurde.

Es war richtig, die Noten wieder zur Leitwährung in der Grundschule zu machen, die Förderschulen zu stärken und die Schulartenempfehlungen ein Stück weit verbindlicher zu gestalten.

Viel wichtiger als alle diese Einzelmaßnahmen ist es aber, dass mit Ihnen der Leistungsbegriff wieder Eingang in die bildungspolitische Debatte gefunden hat.

Und es ist sicherlich nicht nur uns aufgefallen, dass sie dafür viel Zuspruch erhalten haben, nicht nur von konservativen Medien. Bildungsqualität und Leistungsprinzip sind mehrheitsfähig. Ich freue mich, dass wir den Gesprächsfaden wieder aufgenommen haben und über den vereinbarten regelmäßigen Austausch. Wir stehen nicht nur in der Gemeinschaftsschule vor der Frage, ob wir den Abschluss zukünftig auf das Niveau der Schüler senken oder die Schüler auf das Niveau der Abschlussprüfungen heben wollen. Auch unterhalb der Schaffung abschlussbezogener Klassen gibt es schnell wirksame Maßnahmen, die dem Leistungsprinzip schnell Geltung verschaffen. Führen Sie das Sitzenbleiben wieder ein! Wir kämpfen an den Schulen seit Jahren mit diesem Systemfehler, der selbst Praktikantinnen nach wenigen Tagen Unterrichtsbesuch auffällt. Gerade bei der Zunahme von Kindern aus bildungsfernen Haushalten, die ihre Kinder nicht unterstützen können oder wollen und jede Hilfe, auch außerschulische, schroff ablehnen. Es muss wieder einen Unterschied machen, ob ein Schüler sich anstrengt oder nicht. Eine ausreichende Leistung ist eben bedeutungslos, wenn auch mehrere Fünfen oder Sechsen das mühelose Aufsteigen bis in die Klassenstufe 9 ermöglicht. Auch „mangelhaft“ reicht aus, auch „ungenügend“ ist heute ausreichend.  Und da mögen wissenschaftliche Untersuchungen darauf hindeuten, dass Schülerleistungen im Wiederholungsjahr nicht signifikant steigen, allein das Wissen, dass ein Nachlassen der eigenen Leistungen in ausreichenden Fächern zur Wiederholung zwingt, wir kennen das aus unserer eigenen Schulzeit, setzt ungeheure Kräfte frei.

Das Fehlen dieser Konsequenz führt zu einem lähmenden Leistungsunwillen und mangelnder Anstrengungsbereitschaft.  Doch nicht nur das: auch das automatische Aufsteigen bei mehreren Fünfen durch Leistungsschwächen oder Leistungsverweigerung ohne Konsequenzen, wenn man fachlich keinen Anschluss mehr finden kann, den Boden unter den Füßen verloren hat, setzt bei einigen Kindern ohne elterliches Korrektiv Kräfte frei, nämlich zerstörerische. Als Verantwortlicher eines Lehrerverbandes telefoniere ich viel mit Kollegen auch außerhalb der eigenen Schule. Kennen Sie das Penis-Spiel? Mitten im Unterricht rufen die Schüler das Wort „Penis“, wer am lautesten ruft gewinnt.  Eine erfahrene Kollegin einer Gemeinschaftsschule rief mich an, immer noch den Tränen nahe, erzählte ihre Erfahrung der besonderen Art mit diesem Spiel in einer 9. Klasse, in der die Klasse, angeheizt von zwei Schülern, die seit Jahren jegliche Leistung verweigern, so laut brüllten, dass die Kollegin den Unterricht abbrechen musste. Ich fragte meine 15-jährige Tochter, die ein Gymnasium besucht, ob sie das Penis-Spiel kennt. Klar, entgegnete sie, allerdings wird es dort so leise praktiziert, dass die Kollegen des Gymnasiums es vermutlich gar nicht wissen. Nirgendwo wird so laut gerufen, wie in einer Gemeinschaftsschule und wer im 8. Schuljahr „Penis“ ruft, kann dies auch im 9. Schuljahr tun. Wissen Sie, warum die Öffentlichkeit gar nicht weiß, welche praktischen Auswirkungen der Politik wir erfahren, welchen Belastungen wir inzwischen ausgesetzt sind.? Lehrerinnen und Lehrer sind es gewohnt, Probleme im Klassenraum zu ihren eigenen zu machen, sich verantwortlich zu fühlen und sich vielleicht sogar zu schämen. Wir werden weiterhin solche Fälle öffentlich machen und wir fordern: Führen Sie das Sitzenbleiben wieder ein!

Unabhängig von leistungsfeindlichen Strukturen haben es Lehrerinnen und Lehrer heute mit einzelnen Schülerinnen und Schülern zu tun, die eigentlich gar nicht beschulbar sind. Sie zerstören Unterricht. Respektlosigkeiten, verbale oder auch körperliche Gewalt gegen Mitschüler und Lehrkräfte sind Alltag. Es handelt sich nicht ausschließlich um Kinder mit offiziell sozial-emotionalem Förderbedarf, es sind Schüler unter ihnen, die bereits wegen schwerer Vorfälle Schulen verlassen mussten und vom Schulamt zugewiesen wurden, Kinder, bei denen bereits eine Vielzahl von Maßnahmen des Jugendamtes und anderer Einrichtungen scheiterten, Kinder aus verwahrlosten Haushalten. Hier will ich keine konkreten Beispiele von Vorfällen nennen, jeder einzelne ist schockierend. Ich will auch keine einseitige Schuldzuweisung an die Politik verteilen, es handelt sich hier um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir müssen uns, und da schließe ich alle Fraktionen des Landtags ein, darüber unterhalten, wie wir diesen Kindern helfen. Wir sprechen hier von vielleicht 5% der Schüler, aber wenn nur in jeder Klasse einer von ihnen sitzt, erschwert dies den Unterricht erheblich. Trainingsräume, Übergangsklassen, jede Schule handelt für sich allein. Wir brauchen ein abgestimmtes Konzept, wie wir mit diesen Kindern umgehen. Dies schließt nicht nur eine Stärkung der Sozialarbeit ein. Wir müssen auch sehen, ob die Ordnungsmaßnahmen noch zeitgemäß sind. Schüler, die nach massiven Unterrichtsstörungen auf die deutliche Aufforderung hinauszugehen, mit einem fröhlichen „Nein“ antworten oder nach zwei Wochen Unterrichtsausschluss zu mir sagen „Ey, Herr Meußer, das war die geilste Zeit meines Lebens“, Schüler, die nach Gewalttaten traumatisierte Kinder zurücklassen, entsprechen nicht mehr der Schülerschaft, für die diese Ordnungsmaßnahmen vorgesehen waren. Und eine Maßnahme, die die Überführung in eine Parallelklasse vorsieht, ist inzwischen völlig weltfremd, da dort mit Sicherheit eine ähnliche pädagogische Herausforderung sitzt. Hier möchten wir eine offene Diskussion anstoßen, um Lehrer besser zu schützen und Schüler davor zu bewahren, für diese Gesellschaft ewig verloren zu sein.

Das ist auch eine Gerechtigkeitsfrage und wir laden auch die Parteien, die uns nicht nahestehen, ein, mit uns weiterhin, nicht nur darüber, im Dialog zu bleiben.

Wir sind als Interessenvertretung der Lehrkräfte Schleswig-Holsteins offen für Lehrkräfte aller Schularten. Bildungsqualität, Fachlehrerprinzip, differenzierte Bildung sind Themen von der Grundschule bis ins Gymnasium. Unsere ursprüngliche Heimat ist die mittlere Bildung. Wir sind nicht nur Mitglied des deutschen Lehrerverbandes und des DBB, sondern auch Teil des VDR, des Verbandes der deutschen Realschullehrer oder wie ich ihn insgeheim nenne, den Verband der Realisten. Lieber Jürgen, ich freue mich, dass du als unser Bundesvorsitzender den Weg aus Niederbayern in den echten Norden auf dich genommen hast. Wir werden das Machbare in Schleswig-Holstein einfordern, aber die Zukunft der Bildung Schleswig-Holsteins wird nicht ausschließlich in Kiel entschieden. Dass vor allem unsere süddeutschen Partnerverbände den Bildungsföderalismus betonen, ist verständlich. Wenn nur die am stärksten differenzierende Bildungssysteme Sachsens und Bayern Deutschland repräsentieren würde, wären wir PISA Europameister. Doch leider funktioniert der Wettbewerb innerhalb Deutschlands nicht, denn selbst Christdemokraten tun sich im Norden schwer, vom Süden zu lernen. Und auch der Spitzenplatz Sachsens in innerdeutschen und internationalen Leistungsvergleichen schützt nicht davor, dass ein von der GEW angeführtes Bündnis die Gemeinschaftsschule per Unterschriftenliste einführen möchte. Wir wissen, was es bedeutet, wenn man auf diese Weise bewährte Strukturen ergänzen möchte. Wir stehen an der Seite des VDR, um das Niederreißen einer weiteren Bildungshochburg zu verhindern. Und wenn der Wettbewerb im Bildungsföderalismus außer Kraft gesetzt wird, sollten wir ihn befördern.

Beispiel: Nach einer enttäuschenden Leistung in den Abschlussarbeiten Mathematik im mittleren Bildungsabschluss in Schleswig-Holstein des letzten Schuljahres, ging man in diesem Jahr auf Nummer sicher. Die Abschlussarbeiten orientierten sich stark an den vorab verteilten und behandelten Übungsaufgaben. Ein im Übungsheft zusammengesetzter Körper musste auch in der Abschlussarbeit errechnet werden, eine andere Komplexaufgabe war textlich und von den Zahlwerten identisch. Ein Mathekollege erzählte, dass sich eine solche Arbeit nicht mehr weiter vereinfachen ließe und für einen mittleren Bildungsabschluss mehr als fair sei. Wie ich bereits sagte, ich telefoniere viel mit Lehrern. Bisher habe ich nur von desaströsen Einzelergebnissen, ohne Zweien mit wenigen Dreien, dafür vielen Vieren und einigen Fünfen gehört. Das ist gewiss nicht repräsentativ. Aber falls die Ergebnisse wieder enttäuschend ausfallen, lassen wir sie doch einfach mal in einer repräsentativen Auswahl bayrischer Realschulen schreiben, von mir aus ungeübt, von mir aus auch in einer 9. Klasse. Jeder hier im Raum weiß, wie das ausgehen wird. Legen wir unsere vornehme Zurückhaltung auf. Lieber Jürgen, ich freue mich auf unsere weitere Zusammenarbeit, nicht nur im Kampf für Qualität.

Denn während wir als Verband darum kämpfen, die schlimmsten von Politik getroffenen bildungspolitischen Fehlentscheidungen zu korrigieren, ereilt uns eine Revolution, die wir gestalten müssen und die uns vor große Herausforderungen stellt. Die digitale Revolution, die wir zu einer digitalen Aufklärung machen müssen. Die Zeiten sind vorbei, in denen Kommunalpolitiker „Tablets“ in die Runde riefen, um modern zu wirken. Medienentwicklungspläne werden geschrieben, die Gelder sind da. Auch hier wollen wir uns nicht drücken: Folgende Leitsätze sind für mich unverhandelbar: 1. Neu erworbene digitale Kompetenzen ersetzen nicht analoge Kernkompetenzen, sondern ergänzen sie altersgemäß. Die Grundschüler, oft schon mit Smartphones ausgestattet, brauchen in der Schule die analoge Gegenwelt. Lesen und handschriftliches Schreiben bleiben kulturell unverhandelbare Grundfähigkeiten 2. Digitaler Unterricht rechtfertigt sich nicht aus sich selbst heraus, er ist kein Selbstzweck, sondern muss einen didaktischen oder pädagogischen Mehrwert bieten. 3. Wer die Musik bestellt, bezahlt auch. Lehrerinnen und Lehrer sind nicht alle digital affin. Da die Mittel zur Digitalisierung in die digitale Infrastruktur und nur zu einem geringen Teil in den Kauf von Endgeräten geht, ist hier die Landesregierung gefragt, eine sachgerechte Ausstattung zu übernehmen.

Darauf werden wir achten!

  1. Akt: Was bleibt?

Bildung – der Spielball der Politik dreht sich unbarmherzig weiter. Ich sehe in seinem Nebeldunst der Vergangenheit Mengenlehre, ohne die kein mathematisches Verständnis möglich ist, Sprachlabore, die für das Lernen von Sprachen unabdingbar sind und eine erfolgreiche Schulform, die von diesem Ball niedergewalzt wurde. Ich will Ihnen sagen, was bleibt: Wir bleiben Lehrer. Lassen Sie mich im letzten Teil meiner Rede persönlich werden. Ich gehe morgens immer sehr früh an meinen Arbeitsplatz, schließe manchmal noch vor dem Hausmeister die Schultür auf. Ich mag die Ruhe. Als ich am letzten Mittwoch vor der ersten Stunde allein im Lehrerzimmer an dieser Rede schrieb vom brennenden Dach und der Bildungskatastrophe, ging ich anschließend in die 8c. Beiläufig hatte ich einem Mädchen der Klasse während des WPU Unterrichtes den Termin meines Geburtstages verraten.

Die Schülerinnen und Schüler, die überwiegend keine Hausaufgaben machen oder für Tests lernen, die Fachunterricht erschweren, weil kaum die Hälfte von ihnen das entsprechende Schulbuch in den Rucksäcken findet, hatten ohne äußere Aufforderung selbstständig eine Differenzierungsstunde tauschen lassen, damit mich die ganze Klasse „Happy Birthday“ singend begrüßen konnte. Einige Schülerinnen hatten am Nachmittag Kuchen gebacken und Luftballons aufgehängt, obwohl ich nicht einmal der Klassenlehrer bin. Gerührt biss ich in den Schokoladenkuchen, während ich meine eigentliche Unterrichtsvorbereitung über die korrekte Verwendung des Konjunktivs in die Tasche zurückgleiten ließ. Wir sprachen über Gott und die Welt. Ja, ich liebe es Lehrer zu sein, nicht nur, wenn man für mich backt. Und ich mag Kinder, nicht nur die schlauen. Am meisten kränkt mich, wenn wir mit stichhaltigen Argumenten für differenzierte Bildung streiten, dieses unvermeidlich letzte Argument, das in Wirklichkeit ein Ressentiment ist: Ich kann sie ja verstehen, heißt es dann, aber sagen sie mir: „Wer soll dann die Hauptschüler unterrichten?“ Ich werde es ihnen sagen: Ich würde es machen. Ich würde es machen, wenn wir die Gemeinschaftsschulen endlich mit Bildungsgängen ausstatten und viele andere Realschullehrer auch. Es geht uns nämlich nicht um einen verletzten Status oder um persönliche Befindlichkeiten, es geht um die Zukunft der uns anvertrauten Kinder. Es würde uns schon reichen, wenn die Politik uns einfach unsere Arbeit machen ließe, statt Bedingungen zu schaffen und zu erhalten, die Kinder, die nicht können, zu Kindern, die nicht wollen, macht.

Wir bleiben Lehrer. Wir stehen als IVL im VDR für Bildungsqualität und Leistungsprinzip und auch das wird sich nicht ändern Deshalb ist es auch kein Bild der Vergangenheit, liebe Grete, wenn ich jetzt über dich spreche, denn du sollst heute im Mittelpunkt dieses Bildungskongresses stehen. Du bist unser Mittelpunkt. Qualität und Leistungsprinzip hast du nicht nur gefordert, sondern gelebt. Die gesamte Dienstzeit, fast immer mit voller Stelle, hast du als Lehrerin gearbeitet, ohne lange Krankenzeiten, das schaffen nicht viele. Und statt sich in den verdienten Ruhestand zu verabschieden, hast du den Vorsitz unseres Verbandes auch über die aktive Dienstzeit hinaus bis zum heutigen Tag weitergeführt, über 12 Jahre lang, 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche. Du hast mit verschiedenen Bildungsministerinnen und Bildungsministern gerungen, sachlich und immer direkt. Ich bin mir sicher, dass der in den schriftlichen Grußworten geäußerte Respekt vor deiner Leistung und deinem unermüdlichen Einsatz keine Höflichkeitsfloskel ist. Du hättest jede Schule leiten können und warst in so manchen Runden mit Vertretern der Politik, und das meine ich nicht despektierlich, die fachkundigste im Raum und hast dies stoisch ertragen. Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt- dies war dein Motto. Ich wüsste keinen Menschen in diesem Raum, der besser geeignet gewesen wäre in den Zeiten der kompletten Umwälzung unserer Bildungslandschaft diesen Verband zu führen: laut, fachkundig und mit Leidenschaft für Bildungsqualität: du bliebst stehen, als der Verband Deutscher Realschullehrer In Schleswig-Holstein seine Position gegen die Ideologie der Gesamtschulen verteidigen musste, du bliebst stehen, als Verantwortliche gegen alle Vernunft und gegebene Versprechen die Realschule abschaffen wollten, du bliebst stehen, als der Kampf des Volksbegehrens trotz der Überwindung der ersten Hürde am Ende scheiterte und du bliebst stehen, als viele Realschullehrer sich nicht mehr in unserem Verband vertreten fühlten, der sich als IVL für alle Lehrer aller Schulformen öffnete. Heute wissen wir: Wenn du dies nicht angeschoben hättest, würden wir heute hier nicht stehen. Und so danke ich dir als neuer Vorsitzender der IVL für deine Standhaftigkeit, deinen Einsatz für die Ziele unseres Verbandes, liebe Grete.

Ich danke dir aber auch als Dirk Meußer, als private Person. Als ich ein Foto unseres Besuches bei der Bildungsministerin gepostet hatte, erhielt ich kurz darauf einen Kommentar zu meiner Meldung: Ich erwartete eine Stellungnahme oder den Gruß eines Verbandskollegen, stattdessen schrieb ein mir unbekannter Mann mittleren Alters: „Meine liebe Klassen- und Vertrauenslehrerin“ und die Ministerin war damit sicher nicht gemeint. Der Mann hat viele Jahr nach seinem Schulabschluss das Bedürfnis gehabt, dir, liebe Grete zu danken und zwar nicht nur für deinen Fachunterricht, der bestimmt auch hervorragend war. Meine liebe Klassen- und Vertrauenslehrerin, auch diese Rolle hast du zeitlebens in unserem Verband ausgefüllt. Vertrauenslehrerin: wie viele Anrufe hast du entgegengenommen und bei größeren, aber auch kleineren Dienstproblemen zugehört und geholfen, auch am Wochenende auch am Abend, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Wer sich hingegen im Verband engagierte, lernte deine Großzügigkeit kennen, die oft auch deine wohnliche Nähe zu einem großen Lübecker Marzipanhersteller widerspiegelte.

Bei deiner Rolle als Klassenlehrerin möchte ich auch deine Gelassenheit hervorheben. Lehrer gelten zurecht nicht immer als einfach und es wird mir unvergessen bleiben, als wir in Paris im Rahmen einer Studienfahrt abends ein Bistrot besuchten. Du hattest vorab eine Kopie der Karte angefertigt und unsere Essenswünsche abgefragt und dem Bistrot gemeldet, um abends fassungslos zu beobachten, wie sich Kollegen nicht mehr an ihre Bestellung erinnern, konnten, Sonderwünsche anmeldeten oder sich an Allergien erinnerten. Abgeklärt und souverän hast du auch diese Situation gemeistert. Lehrer sind ihren Schülern viel ähnlicher als man denkt. Vielen Dank für deine Geduld, liebe Grete, nicht nur bei unseren Klassen…, äh Studienfahrten.

Das Gerede von den großen Fußstapfen, die jemand hinterlässt, sind bei einer Stabübergabe unvermeidlich. Nie waren diese Worte so zutreffend, so ernst gemeint wie heute. Wir haben in jeder Woche oft mehrfach miteinander telefoniert, uns ausgetauscht, über Verbandsangelegenheiten, aber auch privat. Im Gegensatz zu dir, liebe Grete, drücke ich abends, nach einem anstrengenden Tag, auch mal einen Anruf weg, um meine Work-Life Balance zu halten. Dich habe ich nie weggedrückt und dich werde ich auch nie wegdrücken. Ich freue mich darauf, diese Gespräche auch weiterhin mit dir zu führen.

 

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