Noteninflation und die Folgen

von Harro Rhenius

Immer wieder fordert die IVL-SH, dass Qualität wieder Einzug in die Schulen haben muss. Mehrfach haben wir den politisch Verantwortlichen deutliche Fingerzeige gegeben, die Noteninflation, die sich breitgemacht hat, zu stoppen. Meist wird nur abgewinkt.

In einer neuen Studie wird nunmehr Schleswig-Holstein als Schlusslicht beim Ranking der Abiturnote 1 eingestuft.

Eine neue Entwicklung ist das nicht. Elternverbände beklagen die Benachteiligung und weisen auf Nachteile bei der Vergabe von Studienplätzen hin.

Die 1 im Abitur ist offensichtlich, so die frühere Vorsitzende der IVL-SH Grete Rhenius, eine Art Statussymbol geworden, wie es früher das Auto respektive die Automarke war.

Bereits 2017 hat der damalige Präsident des „Deutscher Lehrerverband“ Josef Kraus diese Noteninflation in seinem Buche: Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt. Und was Eltern jetzt wissen müssen. thematisiert.

In einem Gastbeitrag vom 11. Januar 2019 im Magazin „Cicero“ nimmt Josef Kraus Stellung:

Die Abiturnoten werden immer besser, der Anteil der Abiturzeugnisse mit einer Gesamt-Eins vor dem Komma hat sich binnen zehn Jahren verdoppelt, in manchen Bundesländern verfünffacht. Ganze Bundesländer schneiden beim Abitur mit einer Durchschnittsnote von 2,1 ab. Einzelne Gymnasien renommieren damit, dass der aktuelle Abiturjahrgang eine Durchschnittsnote von 1,8 habe. „Oben“ geht es so weiter: Drei Viertel der Hochschulzeugnisse führen als Gesamtergebnis eine Eins oder eine Zwei. Also müssten doch alle zufrieden sein: Schüler, Eltern, Lehrer, Erziehungswissenschaftler, Bildungspolitiker. Warum es da überhaupt noch eine sechsstufige Notenskala gibt, wenn die Note 3 kaum noch, die Noten 4 oder 5 oder 6 gar nicht mehr vorkommen, fragt man sich durchaus zu Recht.

Das Problem freilich ist: Die Noten werden immer besser, aber die Leistungen werden immer schwächer. Oder verschleiernd mathematisch ausgedrückt: Quantität und Qualität verhalten sich mehr und mehr reziprok. Im Klartext heißt das: Die Noten werden deshalb immer besser, weil die Ansprüche immer niedriger und die Noten immer großzügiger werden. Es soll ja sogar Lehrkräfte geben, die sich öffentlich damit outen, dass sie ausschließlich gute Noten gäben – und damit ungewollt zum Ausdruck bringen, dass sie ihren Beruf total verfehlt haben oder ihm psychisch schlicht und einfach nicht gewachsen sind. Oder zumindest ein schräges Verhältnis zum pädagogisch ach so wichtigen Prinzip der Gerechtigkeit haben. Denn nichts ist so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher, zum Beispiel auch ungleicher Leistungen. Vielleicht aber haben solche Lehrkräfte das Anspruchsniveau deshalb zuvor so weit heruntergefahren, dass nur noch Bestnoten möglich sind.

Liftkurse für Studienanfänger

Wem ist damit geholfen? Für den Augenblick mögen alle zufrieden sein und sich auf die Schultern klopfen. Zumal die Bildungspolitik diese Entwicklung nicht ungern sieht, ist so doch nach wie vor fixiert auf den Popanz Abiturquote. Der Pferdefuß freilich ist: Mit Höherqualifizierung hat das nichts zu tun, denn was hier als höherer Grad an Akademisierung daherkommt, ist eine Pseudoakademisierung zulasten der beruflichen Bildung und des Fachkräftenachwuchses. Immer bessere Noten sind zudem nichts wert, sie sind ein Betrug an den jungen Leuten. Aus Zeugnissen werden ungedeckte Schecks, sie gaukeln vielen jungen Leuten etwas vor, und sie sind ungerecht gegenüber denjenigen, die Spitzennoten wirklich verdient haben.

Oder anders ausgedrückt: Wenn demnächst womöglich alle ein 1er-Abitur haben, dann hat keiner mehr ein 1er-Abitur. Dann wird aus dem Ziel gymnasialer Bildung, nämlich Studierbefähigung zu vermitteln, das simple Ziel, bloße Studierberechtigung zu erteilen. Die Folgen sind längst zu besichtigen: Immer mehr Hochschulen müssen Liftkurse für Studienanfänger einführen, weil die jungen Leute trotz bester Schulnoten nicht mehr das mitbringen, was sie für ein Studium bräuchten. Die Klagen von kritischer Gymnasiallehrern und Hochschullehrern sind insofern mehr als berechtigt.

Bedrohen Noten das Selbstwertgefühl?

Doch statt wieder zu einer ehrlichen und gerechten Bewertung von Schul- und Hochschulleistungen zu kommen, versuchen progressive Pädagogen und Erziehungswissenschaftler, das Kind mit dem Bade auszuschütten. „Weg mit Noten und Zeugnissen überhaupt!“, tönt es alljährlich aus dieser Ecke. Schier ein Werk des Teufels seien Noten und Zeugnisse. Traumatisierende „Schicksalsziffern“ seien die Noten, und überhaupt stelle sich das Schulsystem mit seiner Notenpraxis ein „Armutszeugnis“ aus. Schließlich hätten Noten ja nur einen einzigen Effekt, den der Demütigung und Sortierung von Schülern; Noten seien eine ständige Bedrohung des kindlichen Selbstwertgefühls. Also weg mit dem Notensystem? Beziehungsweise wenn man das Notensystem schon nicht wegbekommt, dann soll es mittels Inflation an Bestnoten de facto ad absurdum geführt werden.

Die mit der Abschaffung von Noten verbundene Hoffnung aber, damit zugleich schlechte Leistungen abschaffen zu können, wäre schließlich kaum etwas anderes als das Bemühen, das Fieber aus der Welt zu bannen, indem man alle Fieberthermometer verbietet. Schule kann aber nicht auf Elfenbeinturm-Attitüde machen oder zur leistungsfeindlichen Spielwiese werden. Schule ist Sozialisationsvehikel, das mit gängigen Werten und Normen vertraut zu machen und diese – mit der gebotenen Sensibilität und altersspezifisch angemessen – einzuüben hat.

Zeugnis-Attrappen

Erziehung zur Leistung impliziert Leistungsbewertung. Wer an diesem Prinzip festhalten will, der darf nicht via Schule – also via Geringschätzung einer klaren, individuellen Leistungsanalyse– an einem maßgeblichen Eckpfeiler dieser Gesellschaft sägen, es sei denn, er will via notenfreie Schule eine vereinheitlichende Schule und damit ein Stück entindividualisierte Gesellschaft. Ansonsten gibt es sehr wohl pädagogische Gründe für eine klare schulische Leistungsbewertung. Notenzeugnisse, so unvollkommen sie sein mögen, geben nämlich – ehrlich und transparent angewandt – eindeutig Rückmeldung über Gelerntes; sie signalisieren zusätzlichen Förderbedarf; sie erleichtern eine individuell optimale Wahl des weiteren Bildungsweges, und sie sind Anreiz zu unverminderter oder vermehrter Anstrengung.

Mehr als vierzig Jahre pädagogische Forschung um schulische Leistungsbewertung haben jedenfalls Zeugnisse und Noten nicht obsolet werden lassen. Aber die für einen Laien in schier undurchdringbarem Fachchinesisch geführte Diskussion um Alternativen dazu konnte nicht verbergen, dass all dies Zeugnisattrappen sind – als da sind: „Rasterzeugnisse“, „Bausteinzeugnisse“, „Berichtszeugnisse“, „Briefzeugnisse“, „Zeugnisbriefe“ „schülerbezogene Bezugsnormen“, „zuwachsorientierte Leistungsmessung“, „Maßstäbe eines zielerreichenden Lernens“, „relative Notengebung“, „intraindividuelle und „interindividuelle Bezugsnormen“, „Objektivitäts-, Reliabilitäts- und Validitätswerte“, „kriteriale und curriculare Normen“.

Floskelhafte Wortzeugnisse

Nicht selten entstehen daraus schöne Zeugnisse, die, weil Lehrer die Wahrheit nicht schreiben wollen, nichts aussagen. Oft befleißigen sie sich einer Semantik, die kein Elternpaar, geschweige denn ein Schüler versteht. Häufig sind sie so verklausuliert, dass Eltern ohnehin nachfragen, welcher Ziffernnote ein Worturteil denn nun entspricht. Bisweilen sind vor allem die immer wieder hochgerühmten Wortzeugnisse wegen des enormen Formulierungsaufwandes gebrauchsfreundlich und floskelhaft mit dem PC produziert. Und manchmal bewerten sie einen Schüler in seiner Gesamtpersönlichkeit, was noch viel verletzender als eine Ziffern-Fünf sein kann.

Also piano! Zum Popanz wird die Note dann, wenn Eltern Liebe gegen Noten handeln, oder wenn für die gute Einzelnote reichlich materielle Belohnung bis hin zu größeren Geldscheinen „rüberwächst“. Bei etwas mehr Gelassenheit hätten die „Kids“ auch weniger Nöte mit ihren oft überehrgeizigen (Helikopter-)Eltern, denn mit den Noten gehen sie ohnehin viel unbefangener um als ihre „Alten“. Und wie denkt die breite Bevölkerung darüber?

Laut einer YouGov-Umfrage vom Juli 2016 halten 75 Prozent der 1.024 Befragten Noten für sinnvoll – und zwar nahezu unabhängig vom Alter der Befragten.

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